Was aus den Wan­de­rer-Wer­ken in Chem­nitz wer­den soll

Die Fir­ma Gemac ist der ein­zi­ge grö­ße­re Nut­zer in dem frü­he­ren Indus­trie­ge­biet und hadert mit dem Ver­fall rings­her­um. Nun haben die Eigen­tü­mer der stadt­bild­prä­gen­den Gebäu­de ihre Plä­ne vorgestellt.

Areal Wanderer-Werke

Das Wan­de­rer-Are­al erstreckt sich zwi­schen der Bahn­li­nie (vorn) und der Zwi­ckau­er Stra­ße. Die meis­ten Gebäu­de ste­hen leer und ver­fal­len. Größ­te Aus­nah­me: der Sitz der Fir­ma GEMAC am lin­ken Bild­rand. Foto: ERZ-Foto/­Ge­org Ulrich Dostmann

Chem­nitz. Es ist in dem eher tris­ten und ver­fal­len­den Are­al der Wan­de­rer-Wer­ke die Aus­nah­me. Das Fir­men­ge­bäu­de der Gemac, ein drei­ge­schos­si­ger ver­klin­ker­ter Indus­trie­bau, am süd­west­li­chen Ende des Gebie­tes ist voll saniert – und vor allem belebt. Seit gut 20 Jah­ren ist dort das 1992 gegrün­de­te Unter­neh­men ansäs­sig, das sich auf Ent­wick­lung und Pro­duk­ti­on von Mess­sys­te­men und Sen­so­ren spe­zia­li­siert hat. Im Zwei-Schicht-Sys­tem arbei­ten hier gut 70 Mit­ar­bei­ten­de, die Auf­trags­la­ge ist sehr gut. Geschäfts­füh­rer Tilo Roth­kirch lieb­äu­gelt mit einem Erwei­te­rungs­bau in der Zukunft, will sich dafür aber erst mit den Eigen­tü­mern der angren­zen­den Gebäu­de abstim­men. Blickt er aus dem Büro-Fens­ter, sieht er vor allem unge­nutz­te Rui­nen. „Uns liegt sehr viel dar­an, dass die Wan­de­rer-Wer­ke wie­der mit Leben erfüllt wer­den“, sagt Tilo Rothkirch.

Wäh­rend ande­re vor­ma­li­ge Indus­trie­kom­ple­xe wie der Wirk­bau an der Anna­ber­ger und der Spin­ne­rei­ma­schi­nen­bau an der Alt­chem­nit­zer Stra­ße schritt­wei­se wie­der­be­lebt wer­den, tut sich im Wan­de­rer-Are­al nichts. Der Haupt-Kom­plex, die Wan­de­rer-Wer­ke, wur­de vor fast 130 Jah­ren für den Fahr­zeug- und Maschi­nen­bau erbaut. Anfäng­lich wur­den in der „Wan­de­rer Fahr­rad­wer­ke AG“ vor allem Fahr­rä­der pro­du­ziert, spä­ter zusätz­lich Fräs­ma­schi­nen, Motor­rä­der, Schreib­ma­schi­nen und Autos. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de das Unter­neh­men ent­eig­net und zer­schla­gen. In West­deutsch­land bestand die Wan­de­rer-Wer­ke AG fort – unter unter­schied­li­chen Bezeich­nun­gen bis zur Insol­venz 2010.

Auf dem Indus­trie-Are­al in Schö­nau wur­de auch wäh­rend der DDR-Zeit in klei­ne­rem Maß­stab unter­schied­li­ches pro­du­ziert. Seit der Wen­de domi­nie­ren trotz mehr­ma­li­ger Anläu­fe von Inves­to­ren Leer­stand und Ver­fall auf dem rund fünf Hekt­ar gro­ßem Gebiet. Neben GEMAC haben sich bis­lang nur ver­ein­zelt Unter­neh­men ange­sie­delt, dar­un­ter eine Umzugs­fir­ma. Ande­re Nut­zungs­for­men gibt es nicht.

Das soll sich nun ändern. Den Mit­glie­dern des Aus­schus­ses für Stadt­ent­wick­lung und Mobi­li­tät wur­den in nicht öffent­li­cher Sit­zung die Plä­ne der Eigen­tü­mer vor­ge­stellt. „Freie Pres­se“ liegt die Prä­sen­ta­ti­on vor. Das Gebiet soll sich dem­nach weg von einem rei­nen Gewer­be- zu einem Misch­ge­biet aus Woh­nen, Arbei­ten, Frei­zeit und sozia­len Ein­rich­tun­gen entwickeln.

Tilo Rothkirch, Geschäftsführer GEMAC

Seit 20 Jah­ren ist GEMAC hier zuhau­se. Geschäfts­füh­rer Tilo Roth­kirch denkt über Aus­bau nach – und wünscht sich eine Bele­bung des Are­als. Foto: Andre­as Sei­del

Die stadt­bild­prä­gen­den Wan­de­rer-Wer­ke an der Zwi­ckau­er Stra­ße sol­len in vier Ein­hei­ten auf­ge­split­tet wer­den. Der größ­te Teil ist als Nut­zungs­flä­che für Wis­sen­schaft und Krea­ti­vi­tät vor­ge­se­hen, ein ande­rer Bereich für Aus­stel­lun­gen und Ver­an­stal­tun­gen. Zudem sind Ate­liers und Wohn­lofts ange­dacht. Eigen­tü­mer der Wer­ke ist eine Ver­mö­gens­ver­wal­tungs­ge­sell­schaft mit Sitz in Ber­lin. Sie hat in März einen Bau­an­trag ein­ge­reicht, den das Rat­haus aber als unvoll­stän­dig einstuft.

Offen­bar kon­kre­ter sind die Plä­ne für den lang gezo­ge­nen sechs­ge­schos­si­gen Bau mit der gro­ßen Glas­front. Eigen­tü­mer die­ses Hau­ses ist die Rock Immo­bi­li­en Gesell­schaft aus Leip­zig. Sie will etwa zwei Drit­tel des Gebäu­des – vor allem die obe­ren Eta­gen – zu Woh­nun­gen umbau­en. Der rest­li­che Teil ist Büros, Co-Working-Räu­men und klei­nen Gewer­ben vor­be­hal­ten. Ange­dacht ist über­dies der Neu­bau zwei­er Häu­ser auf der davor­lie­gen­den Grün­flä­che, die vor allem klei­ne­re Gewer­be­räu­me beher­ber­gen sollen.

Damit die Eigen­tü­mer ihre Vor­ha­ben umset­zen kön­nen, hat der Aus­schuss für Stadt­ent­wick­lung und Mobi­li­tät die ent­spre­chen­den Bau­pla­nun­gen auf den Weg gebracht. Und gleich mit defi­niert, was in dem Are­al uner­wünscht ist: Kfz-Han­del, Bor­del­le, Tank­stel­len, Gar­ten­bau­be­trie­be und groß­flä­chi­ger Ein­zel­han­del wie Super­märk­te. Letz­te­re gebe es im Umfeld – bei­spiels­wei­se am Bahn­hof Sieg­mar – aus­rei­chend, erklär­te Stadt­pla­nungs­amts­lei­ter Bör­ries Butenop.

Über die Ideen der Eigen­tü­mer hin­aus hat das Rat­haus eige­ne Plä­ne für das Wan­de­rer-Are­al. Es gilt als einer der Schwer­punk­te bei der Umge­stal­tung und Auf­wer­tung der Zwi­ckau­er Stra­ße in den kom­men­den Jah­ren. Unter ande­rem will das Rat­haus die Stra­ßen­bahn­tras­se bis nach Rei­chen­brand ver­län­gern und auf die Zwi­ckau­er Stra­ße ver­le­gen las­sen. Am Wan­de­rer-Vier­tel soll des­we­gen ein klei­ner Stadt­platz mit Umstei­ge­punkt samt Lade­sta­tio­nen und Info­punkt ent­ste­hen. Dau­ern wird das alles aber wohl noch Jah­re: Der nun vom Aus­schuss auf den Weg gebrach­te Bebau­ungs­plan steht wohl erst Ende 2023.

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Autor: Ben­ja­min Lummer

erschie­nen am 06.10.2022 in „Freie Presse“